KAZUO KATASE – HELLE KAMMER

Ansprache von Ulf Weingarten anlässlich der Einweihung am 19.10.2012

Meine Damen und Herren,

ich möchte versuchen, mich zusammen mit Ihnen dem neuen Werk auf dem Rohrmeisterei-Plateau zu nähern und zwar im doppelten Sinne. Dabei soll es zum einen darum gehen, dass Ihre eigenen inhaltlichen Überlegungen dazu vielleicht eine zusätzliche Anregung erfahren, zum andern aber würde ich gerne mit Ihnen – und das geht natürlich jetzt nur in der Erinnerung – das Plateau noch einmal betreten, ganz ruhig und konzentriert,  und Ihre Erinnerung daran wachrufen, wie Sie diese rein räumliche Annäherung an dieses Werk erlebt haben. Denn ich bin nicht sicher, ob inhaltliche und räumliche Annäherung nicht doch in einem engen Zusammenhang stehen.

Betreten wir das Plateau vom Rohrmeisterei-Gebäude aus und lassen den Blick schweifen, gibt es seit gestern diesen Fixpunkt, der hell-weiß zu uns herüberleuchtet. Und mit jedem Schritt wächst die Unsicherheit darüber, um was es sich da überhaupt handelt. Mal erscheint das Gebilde zwei-, mal dreidimensional, mal scheinen seine Dimensionen ungeheuer groß, mal verschwindet es völlig hinter der Vegetation des Biotops, taucht wieder auf als irgendwie transparente Form und wirkt beim nächsten Schritt wieder weitgehend geschlossen. Und endlich steht man davor und hat Gewissheit: Bei dem auf dem Weg so unterschiedlich wahrgenommenen Objekt handelt es sich um die „Helle Kammer“, um das jüngste Werk von Kazuo Katase.

Das Werk ist nach minimalistischen Prinzipien gestaltet und klar strukturiert. Es handelt sich um einen Raum-Körper mit den Maßen 4 x 4 x 3 Meter, der durch die gitterähnlichen Außenflächen definiert ist. Je nach dem von welcher Seite man auf die „Helle Kammer“ zugeht, kann man die Gesamtform zunächst für einen Quader halten. Seine funktionale Bestimmung ließe sich im Bereich „Technik“ vermuten.

Beim Aufbau der Skulptur fuhr ein Jugendlicher mit dem Fahrrad hier vorbei. Er hatte den Blick auf die Skulptur gerichtet, als er sich entschloss, umzukehren und die Techniker – nicht ohne erkennbare Sorge – anzusprechen und ihnen warnend den Hinweis zu geben: „Sie wissen aber, dass das schief ist – oder?“ Der junge Mann hat offensichtlich seinen Augen nicht getraut oder die beiden ganz unterschiedlichen Anblicke der Skulptur nicht sogleich verarbeiten können, vielleicht hat er den Skulpturenkörper kippen und irgendwie in Bewegung gesehen. Oder, so habe ich mich gefragt, bildet das ausschließlich rechtwinklige Denken tatsächlich das Fundament unserer Kultur und Gesellschaft?

Tatsächlich handelt es sich bei dem Skulpturenkörper der „Hellen Kammer“ ja nicht um einen Quader, denn zwei der Seitenflächen sind keine Rechtecke, sondern Parallelogramme. Die Außenkanten weichen an den Ecken um 5° vom rechten Winkel ab, sodass sich als Körperform das Parallelepiped ergibt. Diese Form lässt sich zum einen verstehen als Anspielung auf das Fresnelsche Prisma, das ebenfalls ein Parallelepiped ist, und damit wäre die Gesamtform ein assoziativer Verweis auf Licht. Mit der Abweichung um 5° vom rechten Winkel jedoch greift die Skulptur sehr konkret die geologische Struktur des Ruhrgebiets auf, des Bodens also, auf den sie steht und auf dem wir alle hier stehen. Als die Erdbewegungen dieser Region zum Stillstand kamen, hatte sich eine schräge Ebene gebildet, auf der die Gesteinsschichten von der Ruhr aus nach Norden um 5° bis zu einer Tiefe von 3 km absinken. Die Skulptur neigt sich mit diesen 5° der Stadt zu, fast parallel zum Turm von Sankt Viktor, der hinter dem Rohrmeistereigebäude zu sehen ist, und sie ist damit sehr spezifisch an genau dieser Stelle in Schwerte verortet, verweist aber darüber hinaus auf die Region und das gesamte Ruhrgebiet.

Was ist aber nun – und zwar auch im doppelten Wortsinn – der Inhalt dieser Kammer? Wer näher an sie herantritt, stellt fest, sie ist zweigeteilt, aber ansonsten leer. Und erst nach kurzem Innehalten wird klar - sie enthält: Licht und Schatten.

Beide, Licht und Schatten, werden als immateriell wahrgenommen, wenngleich sie ohne einen „Gegenstand“ – ohne Materie also – für das menschliche Auge gar nicht wahrnehmbar wären. Damit geht es hier um die Wahrnehmung zweier Phänomene, die die Grundlage unserer Existenz berühren, wenn selbst im Mythos der Schöpfungsgeschichte als Handlung am ersten Schöpfungs-Tag ein Gott – als eine Grundlage des Seins! –  Licht und Dunkel voneinander trennt.

Und was hat es inhaltlich mit dem Begriff „Kammer“ auf sich…? Es handelt sich hier ja um einen Begriff, der uns eher aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Technik oder Medizin bekannt ist. Und dort immer in Zusammensetzungen: Handelskammer, Herzkammer, Druckkamme. Im künstlerischen Bereich vielleicht die Dunkelkammer, dieser abgetrennte, isolierte Raum, in dem sich, als in der Fotografie noch mit Chemie und Licht gearbeitet wurde, diese wundersame Metamorphose vollzog, in der aus dem Negativ ein positives Bild wurde, indem Licht und Dunkel im Bild ihre Plätze tauschten.

Fotografie ist ein Medium, mit dem Kazuo Katase seit langer Zeit arbeitet. Mit Licht und der Umwandlung von Licht kennt er sich aus wie wohl kaum ein anderer Künstler der Gegenwart. Bei seiner für Schwerte realisierten Arbeit geht es aber eben nicht um eine Dunkelkammer, schon der Titel seines Werks beschwört das Gegenteil.

Und in der Tat ergibt sich der Werktitel „Helle Kammer“ nicht allein aus der weißen Lackierung des eloxierten Aluminiums, woraus der Skulpturenkörper besteht. Diese Skulptur hat nichts von dem, was in dem Wort „Kammer“ an Enge und Abgeschiedenheit mitschwingen mag. Die Bänder, die die Seitenflächen bilden, sind nicht erkennbar miteinander verbunden, erscheinen wie nur übereinander gelegt, lassen Durch- und Einblicke zu. Die Entscheidung für die Farbe Weiß als für die Erscheinung der Skulptur bestimmende Farbe ist aber auch nicht allein am Helligkeitswert dieser Farbe festzumachen. Da hätte das Gitterwerk auch silberfarben oder sonnengelb sein können; selbst eine poppig fluoreszierende Farbe wäre dem Anspruch „Helligkeit“ gerecht geworden. Die Farbe Weiß aber zeigt dagegen zum einen ein Sich-Zurücknehmen, da sie jeden Aufschrei unterlässt, keine Aufmerksamkeit erzwingt. Und sie hat zum andern im Bereich der Farben einen geradezu universellen Anspruch, da die Farben aller Wellenlängen, die für das menschliche Auge wahrnehmbar sind, also von Violett bis Rot, gleichmäßig reflektiert.

Natürlich fordert die Skulptur vom Betrachter einen gewissen Abstand zu seiner hektischen Alltagsbetriebsamkeit, damit er in die Lage versetzt wird, die Botschaft der Skulptur vom Lärm der Gegenstände seiner Alltagsumgebung zu unterscheiden.

Dann stellen wir fest, wie die Sonne den Skulpturenkörper bescheint und durchleuchtet, wie sich sowohl in seinem Innern die Helligkeit verändert und das eigene Gegenbild als Schatten teils im Innern, teils außen produziert, so wie sie auch zum visuellen Gradmesser für unterschiedliche Tagehelligkeiten wird bis das vom Weiß reflektierte Licht der Nacht die Außenseiten des Körpers fast schwarz erscheinen lässt.

Goethe, der sich als Naturwissenschaftler intensiv und in ausgeklügelten Experimenten mit dem Licht beschäftigt hat, eine eigene Theorie des Lichts und eine eigene Farbtheorie entwickelte, lässt seinen Götz von Berlichingen im Gespräch mit Weislingen sagen: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“, ein Satz, der sich, leicht verändert, als Redewendung bis heute erhalten hat.

Und tatsächlich geht es bei der „Hellen Kammer“ nicht nur um das Licht, sondern die Skulptur setzt sich in gleicher Weise, aber auch zwangsläufig mit dem Dunkel auseinander, nur auf eine überraschend andere Weise, als es abendländische Denkschemata nahelegen. Denn Licht und Schatten, Helligkeit und Dunkel, werden hier nicht voneinander geschieden, sondern – im Gegenteil (!) – zusammengeführt.

Erstrahlt die Helle Kammer bei Tage auch in ihrem Innern im Sonnenlicht, verkehrt sich das Bild mit Einbruch der Dunkelheit. Das Licht leuchtet vom Inneren der Skulptur nach außen. Aber jetzt wird noch offensichtlicher als beim Tageslicht, dass der Gitterkörper zwei gleich große Teilräume umschließt. Der dunklere, der durch die 5°-Neigung des Gesamtkörpers als der untere erscheint, wird vom Licht des hellen, erleuchteten Teils mit moduliert. Die Helligkeit dringt von dem lichten Körper in den dunkleren ein, ohne diesen jemals mit gleicher Helligkeit auszufüllen; die Erhellung des einen durch den anderen ist dabei ein ständiger Prozess, eine unablässige Bewegung, auch wenn wir die Bewegung des Lichts eher als Stillstand empfinden. (Bewegung als Stillstand ist ein ihr innewohnendes Paradoxon, das die Skulptur auf unterschiedliche Weise thematisiert.) Die wandernden Moiré-Effekte in der hellen Kammer, bei Tag wie bei Nacht, können dafür als Zeichen gelten.

Entscheidend aber ist meiner Ansicht nach, dass die beiden Kammern der Skulptur durch den beständigen Prozess des Erhellens des einen Teils durch den anderen ganz eng miteinander verbunden sind. Dieses Geben und Nehmen, das sich gegenseitige Halten und Aneinanderschmiegen, dieser Pax de deux des Lichts ist nun alles andere als die mythologische „Trennung von Licht und Finsternis“, als die Aufteilung der Welt in Gegensätze, als ein Denken in den Extremen von Ja oder Nein, richtig oder falsch, Gut oder Böse. Stattdessen kommt es in dieser Skulptur von der Be-leuchtung zur Er-leuchtung des dunkleren Teils der Skulptur, sodass erst aus der Lichtverbindung des einen Teils mit dem anderen die größere Einheit der „Hellen Kammer“ entsteht.

Hier nun erweist sich die Helle Kammer auch als Brückenschlag zwischen den Kulturen.

Die intensive Auseinandersetzung von Kazuo Katase mit dem Zen fließt hier ein. Hier ist die Grundlage zu finden für eine enharmonische Existenz der Gegensätze. Deutlich wird aber ebenso seine Vertrautheit mit Kant und dem Zeitalter der Aufklärung, in dem – vornehmlich in der Malerei – der Versuch unternommen wurde, mit viel Licht gegen die vorherrschenden Schatten der gesellschaftlichen Verhältnisse anzugehen.

In solchem Zusammenhang erweist sich die Licht-Skulptur von Kazuo Katase auch als „visuelle Reflexion“ über den Zustand unserer Gesellschaft.

Doch dazu brauchen wir nicht nur die Augen des Körpers, sondern auch die des Geistes.

Und wenn der Prozess der Durchdringung des Schattens vom Licht es ermöglicht, das Dunkel als dem Licht zugehörig, als „Helligkeit mit niedrigerem Messwert“ zu verstehen, dann lässt die Helle Kammer auch die (quasi politische) Hoffnung zu, dass „jeder … im andern einen vagen Umriss seiner selbst“1) erkennt.

Ich danke Kazuo Katase für die „Helle Kammer“, mit der er Schwerte und das Hellweg-Lichtweg-Projekt wirklich bereichert hat.

Ich wünsche Ihnen viele erlebnisreiche Begegnungen mit der „Hellen Kammer“ – und ich garantiere Ihnen, Sie werden jedes Mal, wenn Sie sich auf die Skulptur einlassen, etwas Neues entdecken.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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1) Jan-Luc Nancy: Am Grund der Bilder, Zürich-Berlin 2006