„Less sauvage than others“

Wie Sie vermutlich längst wissen, hat sich die Rohrmeisterei mit ihrem neuen Bürgerpark, der das Rohrmeisterei-Plateau mit der Ruhr verbindet und so Stadt und Fluss näher zusammenrücken lässt, ein mehr als ambitioniertes Projekt vorgenommen.

Das künstlerische Herzstück dieses Parks ist eine Installation der international renommierten Künstlerin Rosemarie Trockel: ein Brunnen, dessen diffuse und geysirartigen Wasserspiele zu einem unhörbar unterlegten Lied (dem Radetzky-Marsch) getaktet sind und den Brunnen und seine Umgebung in diffuses Licht tauchen. Finanziert wurde die Installation von der Stiftung Kultur der Stadtsparkasse Schwerte und aus Mitteln der regionalen Kulturpolitik des Landes.

Trockels Skulptur aus Wasser und Licht trägt den Titel „Less sauvage than others“ 2007-2010 („Weniger wild als andere“) und schließt damit bewusst an mittlerweile rund acht weitere Installationen an, die unter demselben Haupttitel so etwas wie ein Leitmotiv der Trockelschen Kunst darstellen. Ihre Version für die Skulpturen-Ausstellung Münster 2007 zieht beispielsweise noch heute am Aa-See ein großes Publikum an.

Der neue Landschaftspark der Rohrmeisterei, der sich wie ein breiter Teppich von der alten Pumpstation zur Ruhr ausrollt und in vier „Ruhr-Balkonen“ ausläuft, die über die Flächenkante hinweg ins Ruhrtal ragen und so über dem Fluss zu schweben scheinen, dürfte in jedem Fall einen würdigen Rahmen für jedwedes Interesse an dem Brunnen, der Schwerter Version von „Less sauvage than others“ stellen.

Die Lichtskulptur gehört zum Projekt „Hellweg – ein Lichtweg“ »Link«

Rosemarie Trockel, Less sauvage than others, 2007-2009 Mixed Media, Ø 3500 cm

Von Dr. Lilian Haberer

Ein latentes Brodeln und feiner, geysirartig aufsteigender Wasserdampf lassen auf die Entfernung im neu gestalteten Landschaftspark der Rohrmeisterei in Schwerte eine Wasserquelle erkennen. Bei näherer Betrachtung brechen leichte Wasserbewegungen und zeitweilig unregelmäßige, strudelartige Wasserbewegungen aus der Grasebene hervor – nur von einem runden, dunkel eingefärbten Betonbecken ebenerdig gefasst. Die bewegte Wasserfläche fügt sich wie selbstverständlich in das Landschaftsbild ein. Sie liegt achsensymmetrisch leicht versetzt zur Rohrmeisterei, nicht unweit des Feuchtbiotops, das zwischen Plateau des Gebäudes und der weitläufigen Ruhrwiese angesiedelt ist und – unberührt von den Umbauarbeiten der Anlage – seinen Platz mit Wildwuchs behauptet. Die leicht bewegten, dampfenden Wasserstrudel lassen an eine thermale oder heiße Quelle denken, auch wenn das Brunnenbecken das Wasserbild formal einfasst und die Umgebung keinen vulkanischen Ursprung vermuten lässt. Doch das natürliche Wasserschauspiel ist bei längerem Blick und aufmerksamem Verweilen ein inszeniertes: dasjenige einer bewegten Wasserskulptur, die in unregelmäßigen Abständen das einfache Sprudeln einer Quelle zu vergessen scheint, und kurzzeitig als hoher Geysir sichtbar wird. Kurz nach jeder vollen Stunde entwickelt sie sogar ein rhythmisches Eigenleben, indem ein hoher, dünner Geysirstrahl im Marschrhythmus aus dem Becken empor schießt. Dieses Schauspiel ist jedoch nur von kurzer Dauer, dann ist die Wasserfläche wieder leicht bewegt wie zuvor.

Mit der Wasserarbeit Less sauvage than others – seit 2007 geplant und 2010 fertig gestellt – hat Rosemarie Trockel ein weiteres Mal nach der Eibenskulptur desselben Titels in Münster (2007) ein im natürlichen Schauspiel überwältigendes wie im öffentlichen Raum als gestaltetem Landschaftspark subtil widerständig funktionierendes Werk geschaffen. Denn  es fügt sich zunächst harmonisch in ein intaktes Naturbild ein, ruft Erinnerungen an sichtbar aktive unterirdische Quellentätigkeit hervor und doch sind diese natürlich anmutenden Wasserbewegungen nachempfunden, simuliert. Denn nicht nur der kurzzeitig rhythmisch aufschießende Geysirstrahl irritiert diese Wahrnehmung, sondern auch die Überlegung, dass die Strudel und Dampfformationen nach einer Partitur für eine naturähnliche Annmutung aufeinander eingestellt sein müssen. Ein Blick auf das zwar natürlich von Gras eingefasste, aber kreisförmig, formal reduzierte Becken wirft dennoch unmittelbar die Frage nach der gestalteten Natur auf, die sich auf den Landschaftspark der Rohrmeisterei ausweiten lässt, der ebenfalls ein von Menschen geplanter und geformter ist. Es handelt sich hier um eine Skulptur, die ganz bewusst ein Simulakrum – also ein dem Urbild ähnliches Abbild, Trugbild oder Spiegelbild einer heißen Quelle ist. Ein Abbild, das durchaus einer Vorstellung entspringt, jedoch in jedem Fall etwas Anderes und Neues darstellt und eine Spannung zwischen gestalteter und scheinbar wilder Natur, zwischen künstlerischer Simulation und ihrer Intervention entstehen lässt: Indem die Arbeit als Irritationsmoment, einem Trugbild ähnlich, kurzzeitig den sichtbaren Eingriff mit dem Marsch zelebriert, erfüllt sie auf paradoxe Weise die Erwartung eines Schauspiels. Dies wird zugleich wieder relativiert, denn bei der unerwarteten Tätigkeit des Geysirs werden die Betrachter vielleicht eher an ein Naturschauspiel erinnert. Im Kontrast dazu könnte das fast über die gesamte Tageszeit sichtbare, natürliche Wasserbild, durch seine Gleichförmigkeit auch eine Inszenierung oder eine Gestaltung der natürlichen Wasserformen nahe legen.  So regt die Wasserskulptur in den Ruhrwiesen einerseits zur genussvollen, längerfristigen Betrachtung an und ruft andererseits Fragen zur Natürlichkeit und Inszenierung des Wasserschauspiels hervor.

Mit dem Marschrhythmus hat Rosemarie Trockel ein sehr bekanntes Thema gewählt, das von Allen und Jedem vereinnahmt werden könnte, beispielsweise auch als Marsch der Schwerter Bürger. Es ist der von Johann Strauss für einen Grafen komponierte Radetzkymarsch, bekannt durch seinen markanten Rhythmus, der alljährlich das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker beschließt, aber auch seinen Weg in viele andere Bereiche gefunden hat. Der Marschrhythmus des Geysirs ist möglicherweise nur bei der Eröffnung zu erkennen, wenn ein Ensemble aus Bläsern und Streichern den Marsch spielen und das zentrale Thema den Wasserstrahl begleitet. Im täglichen Ablauf legt diese kurzzeitige Änderung des Wasserbilds eine andere Assoziation nahe, wie beispielsweise eine stündliche Anzeige fortschreitender Zeit.

Die Schwerter Skulptur stellt die jüngste einer seit 1989 bestehenden Werkgruppe dar, die allesamt denselben Titel führen: Less sauvage than others – in einem Sprachgemisch aus Englisch und Französisch werden diese unterschiedlichen Arbeiten im Gesamtwerk Rosemarie Trockels „Weniger wild als andere“ charakterisiert. Ob eine der frühen Karton- oder Gipsarbeiten, jüngere platinglasierte Keramikskulpturen oder wie in Münster eine in zwei Blöcken beschnittene, meterhohe Eibenskulptur, gemeinsam war ihnen bislang eine Form der Stillstellung durch verschiedene Verfahren der Annäherung an die ursprüngliche Form. Mittels Abguss, Füllung, Abformung, Schnitt oder wie hier Simulation spitzt der künstlerische Prozess eine Formfindung zu. Bei der Schwerter Arbeit entsteht sie jedoch nicht durch reine Stillstellung, da der Werkstoff Wasser selbst in Bewegung versetzt ist, sondern durch Simulation einer kleinen Bewegung und Änderung in ein anderes Wasserbild, das sich verfestigt. Der Titel bezeichnet eigentlich eine Relation, die aber nicht näher bestimmt wird. Insofern ist das so genannte Wilde oder Stillgestellte immer im Verhältnis zu etwas Anderem zu sehen. Ebenso wie bei der Skulptur aus Münster ist es hier die Annäherung an Natur oder Naturvorstellung. Rosemarie Trockels bewegte, sich in der Zeit unvorhersehbar verändernde Wasserskulptur setzt sich somit nicht nur mit Formen und dem Verständnis von künstlerischen und natürlichen Prozessen auseinander, sie hinterfragt das Unnachahmliche des Naturphänomens, seine Unvorhersehbarkeit und durch das Spiel mit der Inszenierung unsere Sehkonventionen.

Dr. Lilian Haberer